Know yourself: Der weibliche Zyklus

In den vorangegangenen Beiträgen habe ich mich dazu geäußert, dass es zunächst einmal wichtig ist, uns selber zu lieben. Dies setzt natürlich auch voraus, dass wir uns KENNEN. In meinem Berufsalltag erlebe ich immer wieder, dass Frauen nicht einmal ihren Zyklus kennen, geschweige denn überhaupt wissen, was das genau ist. Auf die Frage „Wie lange dauert Ihr Zyklus in der Regel?“ bekomme ich oft ratlose Gesichter und nicht selten die Antwort „So 3-7 Tage.“ Nun, das ist wohl die Dauer der Menstruationsblutung, die ein Teil des Zyklus ist, um genau zu sein, das Ende, aber eben nicht der komplette Zyklus.

 

Ich möchte daher heute mal ein bisschen auf diese Thematik eingehen und erklären, was genau der weibliche Zyklus ist. Welche Hormone eine Rolle spielen und was während des Zyklus im weiblichen Körper so alles passiert. Das ist ein relativ komplexes Thema und ich werde versuchen, es einfach und verständlich zu halten, damit es nicht zu einem medizinischen Lehrgang wird. Bleiben Fragen, dann scheut euch bitte nicht, mich zu kontaktieren.

 

Beginnen wir damit, dass der weibliche Zyklus aus 3 Phasen besteht. Die 1. Phase in der 1. Zyklushälfte ist die sogenannte Follikel- oder Proliferationsphase, in der ein Ei in einem der beiden Eierstöcke heranreift. In der Zyklusmitte (2. Phase) findet der Eisprung statt, hier spricht man von der Ovulationsphase. In der 2. Zyklushälfte findet die 3. Phase statt, die sogenannte Gelbkörper- bzw. Lutealphase.

 

Dieser Vorgang dauert in den meisten Fällen 23 bis 35 Tage. Das ist von Frau zu Frau unterschiedlich und alles innerhalb dieser Zeitspanne ist absolut normal! Zyklusbeginn (1. Zyklustag) ist der 1. Tag der Menstruation. Zyklusende ist ein Tag vor dem Beginn der nächsten Regelblutung. Alle die Tage dazwischen sind euer monatlicher Zyklus.

 

Schwankungen im Zyklus kommen häufiger vor, als man meinen mag. Kaum ein Zyklus ist pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Stress z.B. ist ein enormer Einflussfaktor auf unseren Zyklus. Auch starke Gewichtsabnahmen durch strenge Diäten führen häufig zu Zyklusstörungen. Auch massives Übergewicht kann zu Schwankungen führen. Wobei ich wirklich die Betonung auf “kann“ legen möchte und nicht verallgemeinere, dass Stress, Crashdiäten oder Übergewicht grundsätzlich Zyklusstörungen hervorrufen.

 

Unser Zyklus wird von 4 Hormonen gesteuert und beeinflusst. In der 1. Zyklusphase bildet sich unter dem Einfluss des Hormons FSH ein Ei heran. In den Wänden des Eis bildet sich das Hormon Östrogen, welches am Zyklusbeginn noch sehr niedrig ist. Mit Zunahme der Eigröße steigt auch der Östrogenspiegel. Dies bewirkt, dass die Gebärmutterschleimhaut sich aufbaut. Es wird also ein “Nest“ gebaut, der Körper bereitet sich auf eine Schwangerschaft vor.

 

Während dieser Phase wird der Zervixschleim – dieser sitzt vor dem Muttermund – dünnflüssiger und geschmeidiger, um Spermien den Weg in die Gebärmutter zu erleichtern. Frauen, die nicht hormonell verhüten, können diese Veränderung gut beobachten. Nimmt man zu verschiedenen Zyklusphasen ein bisschen von dem Schleim zwischen Daumen und Zeigefinger und zieht diese leicht auseinander, kann man entweder beobachten, wie er Fäden spinnt oder direkt zerreißt.

 

Kurz vor dem Eisprung steigt das Hormon LH kurz sprunghaft an, um direkt wieder massiv abzufallen. Auch das FSH erreicht jetzt einen Höchstand. LH gibt also letztlich das Signal für den Eisprung und wird dann nicht mehr benötigt. Das Ei ist gesprungen und nun einige Tage befruchtungsfähig. Wobei hier nicht ganz klar zu sein scheint, ob das Ei nicht sogar nur ein paar Stunden befruchtbar ist. Wer schwanger werden möchte, sollte also ca. 1-2 Tage VOR dem Eisprung Sex haben.

 

Die Hormonspiegel für FSH und Östrogen sinken wieder ab, hierfür tritt nun Progesteron auf den Plan. Progesteron verfestigt u.a. den Zervixschleim wieder und bereitet die Gebärmutterschleimhaut auf die Einnistung einer befruchteten Zelle vor.

 

Wird das Ei nicht befruchtet, beginnt nach ca. 12-16 Tagen unsere Menstruation, ausgelöst durch die Absenkung des Progesteron- und Östrogenspiegels.

 

Das sind also die Abläufe eines Zyklus. Diese Abläufe sind – bei ungestörtem Zyklus – immer gleich. So funktioniert unser weiblicher Körper. Nicht immer gleich ist hingegen, wie Frauen die unterschiedlichen Phasen ihres Zyklus erleben. Manch eine mag winzige Veränderungen an ihrer Stimmung wahrnehmen, ein leichtes Ziehen während des des Eisprungs oder ein wenig Unwohlsein während der Blutung.

 

Andere Frauen leiden insbesondere in der Woche vor und während ihrer Periode leider massiv an Stimmungsschwankungen, Blähbauch, Krämpfen, Heißhungerattacken etc. Die Liste ist lang. Und leider gehören diese Phänomene durchaus ins Spektrum “normal“. Wir sprechen nur sehr wenig darüber.

 

Die weibliche Menstruation ist immer noch ein großes Tabuthema. Allenfalls darf man sich blöde Witzchen anhören im Stil von “Hast du PMS, oder warum bist du so zickig?“ PMS kann für Betroffene enorm belastend sein, darüber blöde Sprüche abzulassen ist unangebracht.

 

Wir Frauen leiden meist still vor uns hin, statt offen das Gespräch zu suchen und zu sagen “Ich habe gerade meine Tage und fühle mich heute wirklich sehr schlecht. Bitte sei nicht böse, wenn ich heute dünnhäutig bin.“ Warum tun wir das nicht? Weil insbesondere beim nicht-menstruierenden Geschlecht scheinbar eine große Abwehrhaltung gegenüber diesem Thema herrscht. Als wäre die Menstruation irgendetwas Abartiges, was man(n) unbedingt totschweigen muss.

 

Unser Zyklus ist letztlich ein großes Wunderwerk. Auch wenn er uns mitunter Stimmungsschwankungen und ein paar wirklich miese Tage im Monat beschert. Dafür schenkt er uns aber auch rund um den Eisprung ein paar Tage, wo wir voller Lust den ganzen Tag im Bett herumtoben könnten, quasi als Ausgleich zu dem ganzen Blut- und Schmerzelend 😉

 

Jede Frau erlebt ihren Zyklus unterschiedlich. Es gibt keinen Standard, niemand hat dafür Gesetze verfasst, wie Frau sich vor und während der Menstruation zu fühlen hat. Wenn dein Körper dir aufträgt, den ganzen Tag mit Wärmflasche und Kakao im Bett zu bleiben und du die Möglichkeit hast, dann tu das. Du bist deswegen keine Memme, nur weil deine Freundinnen scheinbar nicht so unter ihrer Menstruation leiden. Tu dir was Gutes.

 

An dieser Stelle vielleicht einmal der dezente Hinweis: Orgasmen sind krampflösend und schmerzlindernd. Für nicht wenige ist Sex während der Blutung nicht vorstellbar, aber Selbstbefriedigung kann sehr helfen, um fiese Unterleibskrämpfe zu lindern. Wer sich dabei unwohl oder gar unsauber fühlt, kann ja versuchen, sich unter der Dusche oder in der Badewanne zu vergnügen.

 

Abschließend möchte ich jeder Frau, die stark unter ihrer Menstruation leidet ans Herz legen, sich ihrem Frauenarzt/ihrer Frauenärztin anzuvertrauen. Manche Beschwerden sind eben nicht nur “normale“ Zyklusnebenerscheinungen, sondern können ein Hinweis für z.B. Endometriose oder Myome sein. Und selbst wenn es “nur“ Zyklusbeschwerden sind, kann ein*e gute*r Frauenarzt/-ärztin dir ein paar Tipps, pflanzliche Präparate, Tee-Mischungen oder auch Medikamente – falls erforderlich – empfehlen.

 

Und wie immer kann ich nur empfehlen: Schnappt euch eure Freundinnen, euren Partner oder eure Partnerin und sprecht offen über dieses Thema. Ihr könnt nur gewinnen.

 

 

 

 

PS: Auf verschiedene Verhütungsmethoden, deren Einfluss auf den Zyklus und ihre Wirkweise gehe ich demnächst in einem separaten Blogpost ein.

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