Take a look: Die Vulva

In den letzten Jahren ist die Zahl der Intim-Operationen stetig angestiegen. Zwar selten, aber mir immer noch zu oft, wurden unsere Ärztinnen in der Praxis auch um Beratung vor einer sogenannten Schamlippen-Korrektur gebeten. Damit habe ich als MFA wenig zu tun, wir kriegen das nur am Rande mit, wenn die Damen im Labor erzählen, weshalb sie den Termin haben. Ich muss mir in diesen seltenen Situationen sehr auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, was zur Hölle denn da korrigiert werden soll. Ob da was zusammengewachsen oder doppelt angelegt ist. Denn dann können wir gerne über eine „Korrektur“ sprechen. Alles andere ist schlicht und ergreifend eine unnütze und risikoreiche plastische OP. Ich spreche hier bewusst nicht von Schönheits-Operation.

 

Ich frage mich, woher dieser Wunsch kommt, sich – Entschuldigung – die Muschi verstümmeln zu lassen. Ich möchte euch mal meine Gedanken dazu mitteilen. Wir Frauen sind ein bisschen im Nachteil, was die „Sichtbarkeit“ unseres Geschlechts angeht. Jungs sehen ihr Pimmelchen von Geburt an und sind den Anblick gewohnt. Spätestens bei der ersten Gemeinschaftsdusche nach dem Sport oder beim Schwimmen stellen sie fest, dass es verschiedene Formen, Größen und auch Farben gibt. Ein kurzer Blick rundherum. Aha, interessant. Alles normal, dann ist mein Schwanz auch normaler. Check. Alles gut.

Mädchen haben keinen Vergleich. Wissen oft nicht einmal selber, wie sie „da unten“ aussehen. Selbst wenn sie mutig sind und sich den Spiegel schnappen, um mal nachzusehen, fehlt ihnen Vergleichsmaterial. Wer spricht schon als Teenager mit seiner besten Freundin darüber, wie die Schamlippen aussehen?

 

An dieser Stelle möchte ich gleich einmal einhaken: Scham-Lippen. Was für ein furchtbarer Begriff. Sprache leistet m.E. einen nicht zu verachtenden Beitrag dazu, dass unsere Vulva immer noch ein Tabuthema ist scheinbar. Scham steckt bereits im Wort: Schambereich, Schamlippen. Aber es gibt nichts, für das wir uns schämen müssten oder sollten. Ich möchte diese Begriffe hier auf dem Blog nicht mehr verwenden. Ich werde ab jetzt von Vulvalippen sprechen.

 

Zurück zum Thema 😉 Wir sprechen also eher nicht mit anderen Frauen darüber, wie unser Intimbereich aussieht, wenn wir denn wissen, wie unsere Vulva aussieht. Irgendwann sehen wir unseren ersten Porno. Als ich einer anderen Vulva das erste Mal auf dem Bildschirm begegnet bin, war ich erschrocken. Sehen alle Damen da so aus? So glatt? So symmetrisch? So … ich weiß auch nicht… perfekt? In diesem Moment empfand ich meine Vulva als furchtbar hässlich. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass an dieser „Porno“-Vulva vorher gewachst, geölt, gepudert, in nicht seltenen Fällen sogar geschminkt wurde. Oder das diese Muschi operiert wurde, um so „niedlich“ auszusehen.

Wie auch in jeder anderen professionellen Filmproduktion wird in Pornos nach „perfekten“ Frauen ausgesucht. Da wird glatt gebügelt, retuschiert, getrimmt und wegoperiert, was nicht dem Ideal entspricht. Wobei ich frage, was so das Ideal einer Vulva sein soll. Und wer bitte das entscheidet.

 

Es gibt so viele verschiedene Formen und Farben von Vulven, wie es unterschiedliche Frauen gibt. Dank des www und Plattformen wie Instagram haben Frauen auch endlich die Chance, sich damit vertraut zu machen. Ich habe die Erlaubnis erhalten, ein paar Beispiel-Fotos des Vulva-Projekts von Natalie Uhlmann in diesen Beitrag einzufügen. Schaut dort mal vorbei. Oder bei Vulvinchen auf Instagram. Oder auch einfach unter dem #vulvagallery auf Instagram. Hier findet ihr so viele Bilder von so vielen verschiedenen Vulven. Und ALLE sind normal und schön!

Normale Vulva

Normale Vulva

Normale Vulva

Normale Vulva

Das ist nur ein Bruchteil der Vielfalt, die ihr auf der Seite von Natalie Uhlmann finden könnt und ich habe die Bilder nicht nach irgendwelchen „Schönheitsaspekten“ ausgesucht. Mir ist auch noch kein Mann begegnet, der pauschal eine gewisse Form von Vulven ablehnt. Ich möchte nicht behaupten, dass es diese Männer nicht gibt. Aber das sind dann sicher auch Männer, die ganz klare Vorstellungen davon haben, wie eine Frau generell auszusehen hat und auf innere Werte eher weniger Augenmerk legt. Soll es ja geben. Aber wollt ihr einen solchen Mann? Ich schließe hier tatsächlich mal die lesbische Variante aus. Ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass es Frauen gibt, die ihre Partnerinnen danach selektieren, wie groß oder klein ihre Vulvalippen sind. Das mag auch ein Vorurteil sein, aber ich glaube einfach, Frauen sind da doch noch ein bisschen offener.

Aber wie gesagt, dem allergrößten Teil der Männer ist auch ziemlich egal, wie eure Vulva aussieht. Sie sind schlicht begeistert davon, wie gut ihr euch anfühlt! Wie sie euch Lust bereiten können. Wie sehr ihr ihnen Lust bereitet. Wie warm, weich und nass wir sind. Wie gut wir schmecken und riechen.

 

Ja, Ladies, das tun wir! Und zwar auch ohne Intimwaschlotionen, Intimcremes oder Intimdeos. Lasst da bitte auf jeden Fall die Finger von. An unsere Vulva gehört für die Sauberkeit Wasser und auch mal ein Waschlappen. Aber das war’s dann auch. Wir haben jeden Tag Damen mit gestörter Intimflora in unserer Praxis. Sehr häufig sind das genau die Frauen, die es mit ihrer Sauberkeit extrem genau nehmen. Leider machen sie genau damit das empfindliche Gleichgewicht ihrer Vulva kaputt. Dann juckt alles, brennt, ist gereizt und gerötet. Pilze feiern eine Party, weil alle guten Bakterien einfach weggeätzt wurden durch Duschgel und Co.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, der Katze Wasser zu geben, bevor wir mit unserem Partner/unserer Partnerin ins Bett hüpfen. Aber das Intensivwaschprogramm tut nicht Not. Wer einen weichen, duftenden Intimbereich wünscht und meint, Wasser alleine reicht da nicht, darf gerne mal Kokosöl verwenden. Vor dem Duschen auftragen und unter der Dusche mit einem Waschlappen und warmem Wasser abspülen. Eignet sich auch wunderbar als Rasur-Grundlage. Danach ist eure Haut wunderbar weich und geschmeidig und ihr duftet nach Kokos. Wobei ich euch versichern kann, euer natürlicher Vulva-Geruch ist extrem reizvoll für euren Partner/eure Partnerin. Das hat die Natur schon so eingerichtet, dass in unseren Säften die richtigen Duftstoffe stecken um sexuelle Erregung zu erzeugen.

 

Traut euch einfach mal. Schnappt euch den Spiegel. Schaut euch an. Nehmt eure Finger, riecht und schmeckt euch. Und ermuntert vor allem bitte auch eure Töchter dazu, dies zu tun, wenn ihr die Zeit für gekommen haltet. Nehmt euren Töchtern frühzeitig diese Hemmungen, zeigt ihnen, dass ihre Vulva kein schmutziges, hässliches Geheimnis ist, über das man nicht sprechen darf. Sie ist schön und wunderbar.

Was sie so toll macht, werde ich dann in Kürze in einem neuen Artikel erläutern, wo ich dann erklären werde, wie unsere Vulva „aufgebaut“ ist und was für ein kleines anatomisches Wunderwerk sie ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Betrieben von WordPress | Theme: Baskerville 2 von Anders Noren.

Nach oben ↑