Push the button

Nachdem wir jetzt also geklärt haben, dass die Vulva in vielen verschiedenen Formen und Farben daherkommt und alle davon normal und schön sind, widmen wir uns heute mal dem anatomischen Aufbau. Denn auch hier gibt es – wie ich auch in der Praxis dann und wann erleben muss – scheinbar noch einiges an Halb- oder gar Unwissen. Während wir doch heute eine sexuelle Freiheit genießen, wie sie noch vor ein paar Jahrzehnten undenkbar war, während frei in der Weltgeschichte rum gevögelt wird, wir uns rühmen mit unseren sexuellen Abenteuern und alles ausprobieren, wissen wir um unseren eigenen Körper noch erstaunlich wenig. So scheint es mir jedenfalls oft, wenn ich im Gespräch mit anderen Frauen bin. Als Frau hat man heute den Eindruck, dass wir mit unserer augenscheinlichen sexuellen Freiheit auch eine neue Pflicht erworben haben. Nämlich die Pflicht, im Bett Hochleistung und Multiorgasmen zu erbringen. Noch vor 50 Jahren wurden Frauen nach der Qualität ihrer Kochkünste als Partnerin auserkoren. Heute sollte sie ein perfektes, immer lustvolles, experimentierfreudiges Sexspielzeug sein, könnte man meinen. Schadet auch nicht, wenn sie kochen kann. Oder auch noch Karriere macht – so lange sie nicht mehr Karriere macht, als der Mann, versteht sich. Schon früh beginnt es, dass uns suggeriert wird, dass etwas mit uns nicht stimmt, wenn wir im Bett nicht laut stöhnend jeden Handgriff unseres Partners feiern. Wir suchen den Fehler bei uns, statt mit dem Partner darüber zu sprechen. Wir möchten ihn nicht enttäuschen, nicht verunsichern, nicht das Gefühl erwecken, er versage. Daher stöhnen wir laut, während wir versuchen, uns in eine Position zu winden, die uns zumindest ein bisschen Lust verschafft. Während wir munter durch die Betten hüpfen und alles Stellungen des Kamasutra beherrschen, unseren Hintern schon versohlt bekommen haben und 3 Analplugs im Schublädchen liegen haben, beschäftigen wir uns (in meinen Augen) zu wenig mit uns selbst.

 

Das gilt natürlich nicht für alle Frauen. Ich feiere jede Frau, egal welchen Alters, die sich kennt und kommunizieren kann, was sie will und braucht. Frei von der Angst, zurückgewiesen zu werden oder komisch angesehen zu werden. Und es werden mehr. Zum Glück. Aber der Weg dorthin ist lang. Die meisten Frauen, mit denen ich mich unterhalten habe, sagen ganz klar, dass sie Sex erst mit über 30 richtig genießen konnten. Dann erst über ihre Bedürfnisse sprechen konnten. Dann auch erst herausgefunden haben, was sie anmacht, welche Punkte stimuliert werden müssen. Warum ist das so? Mit über 30 Jahren haben die meisten von uns schon über 10 Jahre Sex. Über 10 Jahre mittelmäßigen bis schlechten Sex scheinbar. In der Zeit, wo wir doch noch alle Zeit der Welt haben, uns auszuprobieren. Was glaubt ihr, wie fantastisch dann unser Sex mit 30 wäre, wenn wir mit Anfang 20 schon genau wüssten, was gut für uns ist.

 

Und ich glaube, der Grundstein hierfür liegt auch in dem Wissen um unsere Anatomie. Mal abgesehen davon, dass wir uns optisch mit uns auseinander setzen sollten, sollten wir auch wissen, welche „Funktionen“ die unterschiedlichen Bereich unserer Vulva haben.

Während die meisten Frauen im Laufe ihres (Sex-)Lebens Bekanntschaft machen mit den großen und kleinen Vulvalippen und auch ihre Klitoris finden, wissen viele Damen gar nicht (und leider auch die meisten Herren nicht), dass die Klitoris mitnichten nur das kleine Knubbelchen oben zwischen den großen Vulvalippen ist. In der Darstellung oben wird es schon angedeutet: Die Klitoris hat einen Schaft und auch Schwellkörper. Genau wie der Penis auch. Männer und Frauen sind sich da recht ähnlich.

Das ist die komplette Klitoris. Ganz schön groß, das Schätzchen, oder? Deutlich größer, als das kleine Stück, das sichtbar ist. Die kleinen „Röhren“ auf dem Bild sind Harnröhre und Vaginaeingang. Die Klitoris hat 2 Schenkel und 2 Schwellkörper. Ist euch schon einmal bei plötzlicher, starker Erregung das Blut so dermaßen in die Vulva gerauscht, dass ihr das sogar als schmerzhaft empfunden habt? Einen Gruß von euren Schwellkörpern. Und jetzt wisst ihr, wie Männer sich manchmal fühlen 😉

 

Natürlich ist das Klitorisköpfchen der empfindlichste, da auch recht frei liegende Teil der Klitoris. Aber stimuliert werden kann sie vielfältig und nicht nur am Köpfchen direkt. Die Schenkel der Klitoris sind 8-12 cm lang und können durch die Stimulation der Vulvalippen oder vaginal gereizt werden. 8-12 cm sind eine Menge Spielfläche, nutzt sie. Ca. 8000 Nerven verlaufen durch die gesamte Klitoris. Übrigens ist die Klitoris der einzige Körperteil, der einzig dem Lustgewinn dient. Sie hat keinen anderen „Zweck“, als uns in Verzückung zu versetzen. Selbst der Penis des Mannes dient ja biologisch gesehen auch der Fortpflanzung, und nicht nur dem Lustgewinn. Wir sind den Männern da also körperlich eigentlich voraus.

 

Wir haben auch noch eine Gemeinsamkeit mit den Herren: Frauen können (und nicht wenige tun es unbemerkt) ejakulieren. Bei Stimulation der Schwellkörper wird in Drüsen ein Sekret gebildet und es kann zum sogenannten „squirten“ kommen. Dies können ein paar Tropfen, aber auch eine ziemliche Menge an Flüssigkeit sein, die dann austritt. Viele Frauen glauben, dass sie Harn verloren haben. Ladies, tief durchatmen, ihr habt euch nicht eingepinkelt. Das Sekret ist deutlich flüssiger, als die Erregungsfeuchte, aber es ist kein Urin! Die Flüssigkeit wird in den sog. skalenischen Drüsen gebildet. Die Zusammensetzung der Flüssigkeit ist ähnlich des von der Prostata gebildeten Sekrets beim Mann. Die unmittelbare Nähe zur Harnröhrenöffnung und das Gefühl von Druck führt schnell zu dem Eindruck, Pipi gemacht zu haben. Dem ist aber nicht so.

In Pornos wird gerne mal der Eindruck vermittelt, dass meterweite und literweise abgespritzt wird, wenn Frauen ejakulieren. Natürlich kommen sie dabei auch lautstark. Die Realität sieht aber nicht immer so aus. Daher bitte auch hier – wie bei allen Spielarten im Bett – Druck raus, nicht glauben, es stimmt was nicht, wenn ihr so nicht kommen könnt. Das ist kein Pflichtprogramm. Es ist eine Variante, eine Spielart. Es kann euch passieren, es muss aber nicht. Selbst Frauen, die um das Phänomen wissen können nicht immer entspannt genug sein, um es zuzulassen.

 

Wie eben schon angesprochen, ist das Klitorisköpfchen mit den meisten gebündelten Nervenendungen der empfindlichste und somit häufig lustvollste Part des gesamten Komplexes. Aber auch hier empfindet jede Frau eine andere Stimulation als anregend. Manche mögen Druck, andere Reibung, wieder andere empfinden manuelle Stimulation als unangenehm und empfinden nur Lust, wenn die Klitoris geleckt oder gesaugt wird. Hier gibt es kein „das funktioniert immer“ Programm. Es kann sogar von Tag zu Tag verschieden sein, was euch gerade gefällt. Wir müssen unbedingt aufhören, in Schubladen wie „normal“ zu denken. Normal ist ein irre großes Spektrum. Es gibt nicht die eine Frau, die auf die eine Art funktioniert. Euer Körper ist normal, wenn ihr am besten durch starke Reibung am Kitzler zum Höhepunkt kommt und euer Körper ist normal, wenn ihr nur kommt, wenn ihr geleckt werdet. Und alles dazwischen und drumherum ist auch normal.

 

Ein häufig geschildertes und von mir auch schon erlebtes Phänomen bei Männern ist, dass diese ja um den Kitzler im besten Falle wissen und diesen dann auch intensiv bearbeiten. Aber dann leider alle anderen Möglichkeiten gar nicht in Betracht ziehen. Weil sie – wo auch immer, Pornos? – gelernt haben: Das Knöpfchen da macht die Frau geil, also rubbel dran rum. Im besten Falle mag das funktionieren. Aber was, wenn nicht? In diesem Falle habt ihr selber im besten Falle schon rausgefunden, wie ihr euch Lust bereiten könnt. Und wenn nicht, könnt ihr es zusammen heraus finden. Denn manchmal empfinden wir eine gewissen Stimulation mit uns selber als toll, aber mit dem Partner funktioniert es nicht richtig. Und wieder: auch das ist normal. Und es gibt keinen „Schuldigen“ dafür. Nicht euren Partner, nicht euch. Er kann genau das machen, was ihr ihm zeigt und es funktioniert trotzdem nicht. Macht nix. Dann probiert ihr etwas anderes.

 

Ich bin der Meinung, Sex sollte auch immer eine spielerische Komponente enthalten. Das mindert den Erwartungsdruck, nimmt dem Ganzen den Stress. Wenn wir im Kopf haben, wir spielen hier nur rum, wir probieren nur was aus, es gibt kein „Ziel“, gehen wir viel entspannter an die Sache heran. Wir müssen niemandem beweisen, wie toll wir kommen können und wie empfindlich unsere Klit ist. Und umgekehrt muss uns unser Partner nicht beweisen, dass er um jeden Lustpunkt Bescheid weiß und quasi hellsehen kann, was uns gefällt.

Lasst doch mal bewusst das Klitorisköpfchen aus eurem Liebesspiel raus. Ignoriert sie. Probiert aus, was passiert, wenn euer Partner nur eure Vulvalippen stimuliert. Oder den mit vielen Nervenenden besetzten Vaginaeingang. Mit den Fingern die Lippen spreizen, sanften Druck ausüben, mit der flachen Zunge lecken, mit der Spitze züngeln, es gibt so viele Varianten. Vielleicht entdeckt ihr zusammen neue erogene Zonen? Oder ihr entdeckt sie alleine, das geht natürlich auch (wobei ich keine Frau kenne, die sich selber lecken kann). Und wenn ihr dabei feststellt, das ist ja alles ganz nett, aber ich brauche doch bitte Kitzler-Stimulation, dann ist das auch so. Das macht euch sexuell nicht weniger attraktiv.

 

Meine wichtigsten „Regeln“ also für ein erfülltes, entspanntes, freies Sexleben sind also:

  • Kenne deine Vulva und Vagina
  • Kenne deine „Hot spots“
  • Kommuniziere deine Wünsche und Bedürfnisse (ohne Vorwürfe oder Forderungen, sondern liebevoll und mit einer Prise Humor)

Der Rest ergibt sich von ganz alleine. Davon bin ich überzeugt.

Ein Kommentar zu „Push the button

Gib deinen ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Betrieben von WordPress | Theme: Baskerville 2 von Anders Noren.

Nach oben ↑