Feuerwerk der Gefühle

Kommst du schon oder liegst du noch unbefriedigt da? Je nach (Online-)Artikel ist das a) seine Schuld oder b) deine Schuld. Denn wenn man sich so umhört oder rumliest, bekommt man den Eindruck, dass es ja im Grunde easypeasy ist, jede x-beliebige Frau in maximal 15 Minuten zum klitoralen, vaginalen, analen oder sonstigen Orgasmus zu bringen.

 

Stellt sich mir die Frage: Ist das erklärtes Ziel? Gibt es ein Zeitlimit, in dem der Orgasmus erreicht worden sein muss, weil sonst entweder er ein schlechter Liebhaber oder sie frigide ist?

 

Ich habe mich durch ein paar Onlineartikel gelesen zur weiteren Recherche und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Und zwar nicht vor Erregung. Titel wie “Frau zum Orgasmus bringen – eine bombensichere Anleitung“ oder “So kommen Frauen beim Sex immer zum Orgasmus“ schrecken mich von der ersten Sekunde ab. Richtiggehend entsetzt war ich über diesen Internetfund vaginaler-orgasmus.net

In 4 Wochen zum vaginalen Orgasmus

Sarina Cant hat mit ihrer Anleitung schon fast 2000 Frauen erfolgreich zu ihrem ersten vaginalen Orgasmus verholfen. Es dauert im Durchschnitt nicht einmal 4 Wochen. Wenn Du wirklich engagiert bist schaffst du es oft in unter 2 Wochen!“

Wow. Wohoo. Wenn ich so richtig, richtig engagiert bin und ganz hart an mir arbeite, dann bin ich in unter zwei Wochen zu vaginalen Orgasmen fähig. Und wenn ich keine Erfolge mit der supereinfachen E-Book-Anleitung erziele, bekomme ich sogar mein Geld zurück. Na, wenn das nix ist…

Richtig. Das ist nix. Außer noch mehr Druck, noch mehr Leistungszwang, noch mehr Erwartungshaltung an sich und/oder den Partner/die Partnerin.

 

Ja, manche der Tipps lesen sich ganz gut. Aber entschuldigt, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Empathie, Rücksicht und offene Kommunikation sollten Selbstverständlichkeiten sein und keiner Anweisung bedürfen. Klar kriege ich gerne eine Massage. Ja, ich mag Nackenküsse. Richtig, meine Klitoris enthält verdammt viele Nerven, die sehr intensiv auf Reizung reagieren. Das ist tatsächlich auch bei jeder Frau so. Aber welche Art von Reizung letztlich zum Orgasmus führt, ist mitunter schlicht Tagesform-abhängig.

 

Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Sex-Ratgeber. Es gibt sogar ein paar sehr gute und sie können inspirierende Zündfunken sein. Sie machen neugierig, fordern den Mut heraus, machen uns wohlige Gänsehaut und zeigen uns neue, aufregende Wege und Perspektiven auf.

Aber alles, was mir “Erfolg“ verspricht, Orgasmen garantiert, da werde ich ablehnend. Denn wenn der doch garantierte Erfolg ausbleibt, heißt das dann im Umkehrschluss, mit mir stimmt was nicht? Ich war nicht engagiert genug? Ich habe nicht genug trainiert? An meinem Körper ist was falsch? Was soll Frau denn da denken, wenn der Orgasmus garantiert ist (und wenn halt doch nicht, gibt es das Geld zurück) und doch ausbleibt. Selber schuld, oder wie? Wie kann man überhaupt Schuld sein, wenn es um Orgasmen geht?

 

Und dieses Gerede über klitorale und vaginale und sonstige Orgasmen geht mir inzwischen massiv auf den Keks. Ist das ein Contest, oder was? Bin ich erst eine “richtige“ Frau, wenn ich auf jede anatomisch theoretisch mögliche Art kommen kann und das beliebig reproduzieren kann durch engagiert erlernte Techniken, die mein Partner brav auswendig gelernt hat?

 

Mein Freund hat mich tatsächlich mal gefragt, ob ich sowohl klitoral als auch vaginal kommen kann. Im ersten Moment wusste ich gar keine Antwort, bis ich antwortete “Ich glaube schon.“ Ich habe mir da nie groß Gedanken drum gemacht. Klar, wenn ich komme, während ich geleckt werde, ist der Ursprung meines Orgasmus ziemlich sicher die Klitoris. Und wenn ich während einer Doggystyle-Nummer ohne zusätzliche Manipulation der Klit komme, kann man wohl davon ausgehen, dass mein Freund einen der Hotspots in meinem Inneren erwischt hat.

 

Und weiter? Ist es wirklich wichtig, auf welche Weise? Was macht das für einen Unterschied? Es gibt sogar – und das auch nicht so selten – Sex, bei dem ich gar nicht komme. Der aber trotzdem sehr befriedigend und erfüllend ist.

 

Nichts spricht dagegen, sich zu erforschen und Möglichkeiten auszutesten. Du möchtest vaginale Orgasmen erleben? Prima, probiere es aus. Alleine, mit deinem Partner, wie immer du magst. Es kann nur von Erfolg gekrönt sein, denn du wirst dich besser kennenlernen, mehr über dich erfahren und vllt neue Hotspots entdecken. Selbst wenn du nicht zum vaginalen Orgasmus kommst, so what? Das heißt nicht, dass mit dir irgendwas nicht stimmt. Es klappt halt einfach (jetzt noch) nicht. Kein Grund, an sich oder dem Partner/der Partnerin zu zweifeln. Das Einzige, was zählt ist, dass du deine Sexualität lustvoll und befriedigend erlebst. Frei von Druck. Frei von Ansprüchen. Frei von Erwartungshaltung anderer. Wie das für dich aussieht und sich anfühlt muss keinem Standard entsprechen. Es gibt keine Liste, die du abarbeiten musst. Keine Ziele, die erreicht werden müssen, um “richtig“ zu kommen.

 

Kein Orgasmus fühlt sich identisch mit dem einer anderen Person an. Du erlebst intensive vaginale Orgasmen, die dich ejakulieren lassen? Super. Deine beste Freundin kommt nur, wenn sie geleckt wird? Auch super. Dein Orgasmus ist eine Explosion, die aus dem Nichts plötzlich losbricht? Klingt aufregend. Der Orgasmus der Kollegin ist wie eine Welle, die auf- und abschwillt und sie dann überrollt? Wow, das ist bestimmt toll.

 

Wir müssen und sollten uns nicht vergleichen. Austauschen, ja. Erfahrungen teilen. Auch mal Tipps geben meinetwegen. Aber nicht verzweifeln daran, dass andere Frauen andere und scheinbar bessere Orgasmen erleben, als wir selber. Wie so oft trügt der Schein hier gewaltig zumeist. Probiere alles aus, was DU willst. Sei neugierig, offen und vertraue auf dich. Genieße und feiere deine Sexualität. Es gibt keine Regeln, außer deinen eigenen.

Ein Kommentar zu „Feuerwerk der Gefühle

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  1. Toll geschriebener Beitrag! Genau so ist es nämlich. Bei Männern wissen wir Frauen, dass sie kommen, wenn sie ejakulieren. Doch woher sollen wir Frauen es wissen? Aus dem Sexualkundeunterricht? Aus Büchern oder Zeitschriftenartikeln? Dort wird doch immer nur von „Zuckungen, Verkrampfungen und Erschütterungen des ganzen Körpers“ gesprochen! Jahrelang dachte ich deshalb, dass ich noch nie einen richtigen vaginalen Orgasmus gehabt hätte, da ich immer nur so ein leichtes „Zerfließen“ in mir verspürte. Na und? Wenn ich dies verspüre, konzentriere ich mich darauf, so wie ich mich auf eine leichte Brise an einem heißen Sommertag konzentriere und diese Wohltat verspüre, wenn sich mein erhitzter Körper etwas abkühlt. Dies ist MEIN persönlicher Höhepunkt. Und, wie Du es so schön beschrieben hast: so ist jeder anders. Und was Du auch sehr treffend bemerkt hast:
    Sex macht Spaß und kann auch ohne Höhepunkt befriedigend sein. Ist Sport ja manchmal auch, oder? 😉
    In diesem Sinne, „Du hast mir aus der Seele gesprochen!“
    Liebe Grüsse Tiffany

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